• Was eine Innenstadt ist, wirkt auf den ersten Blick wie eine triviale Frage. Für die Stadtsoziologie ist sie das Gegenteil: Innenstädte sind Machträume — Orte, an denen soziale, ökonomische und politische Kämpfe um Ressourcen und Teilhabe räumlich ausgetragen werden und darüber entscheiden, welche Interessen sich durchsetzen und welche aus dem Stadtraum gedrängt werden. Der Zustand…

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  • Kantilenen

    Kantilenen

    Scharfer Grund. – Immanuel Kant, der die Vernunft zur Reinheit der Form anhielt, duldete beim Essen keinen unbestimmten Geschmack. Senf, täglich, zu fast allem – als müsste die Welt, um gültig zu sein, erst geschärft werden. Er rührte ihn selbst an. Die Köchin besorgte das Übrige. Darin eine Ordnung: Das Allgemeine wird delegiert, das Entscheidende…

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  • Die aktuelle Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des Weser-Kurier ist mehr als eine Momentaufnahme: 57 Prozent der Befragten sprechen sich für den Erhalt des Klinikums Links der Weser aus. Das ist ein politisches Signal – und Rückenwind für die Initiative, die bereits im Februar rund 20.000 Unterschriften für ein Volksbegehren eingereicht hat. Nötig gewesen…

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  • Vor zweieinhalb Jahren habe ich nach 16 Jahren die Partei DIE LINKE verlassen, um das BSW als Gründungsmitglied mit aufzubauen. Als Landesgeschäftsführer des Bremer Landesverbands habe ich diese Arbeit zwei Jahre lang maßgeblich begleitet. Zum Jahreswechsel 2025/2026 bin ich ausgetreten. Was folgt, ist keine Abrechnung – aber eine ehrliche Bilanz. Die Zahlen: kein kurzfristiger Rückgang,…

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  • Zwangsarbeit in Horn-Lehe

    Zwangsarbeit in Horn-Lehe

    Das Lager „Handwerk“ — Verschleppt, ausgebeutet, vergessen. Mitten in Horn-Lehe, an der Ecke Achter- und Riensberger Straße, stand von 1943 bis Kriegsende eines der größeren Bremer Lager für Zwangsarbeiter — dort, wo heute der Magdalene-Thimme-Weg entlang der Kleinen Wümme verläuft und die Grün-Station Horn ihren Standort hat. Ein Ort, dessen NS-Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis des…

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  • Von 7.075 Menschen in Bremen, die einen Rechtsanspruch auf „Hilfe zur Pflege“ haben, erhalten ihn nur 1.090. Das sind 15,4 Prozent – knapp jeder Sechste. Fast 6.000 Menschen gehen leer aus, obwohl ihnen das Recht zusteht. Eine neue Studie des Paritätischen Gesamtverbands macht diese Zahl erstmals sichtbar. Sie ist für Bremen kein Zufall.  Vier von…

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  • Mit Jürgen Habermas ist gestern der letzte große Denker der Frankfurter Schule gestorben – und der umstrittenste. Zumindest für jene, die in der Tradition der Väter stehen. Er kam 1956 als junger Assistent zu Adorno nach Frankfurt – in ein intellektuelles Kraftfeld, dessen Gravitationszentrum die Verschränkung von Marx, Freud und Hegel bildete. Horkheimer ahnte früh,…

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  • Über Kritische Theorie, die Selbstzerstörung des Kapitalismus und die Frage, was bleibt Die Frage, ob die Kritische Theorie noch etwas zu sagen hat, wird meist falsch gestellt. Sie erscheint als Frage nach ihrer Relevanz — ob Adorno und Horkheimer noch zitierbar sind, ob ihre Begriffe die Gegenwart treffen, ob man mit ihnen Politik machen kann.…

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  • Expansion, Gewalt und die Grenzen der Moderne Es gibt Werke, die ihrer Zeit voraus sind, und solche, die ihre Zeit so präzise durchleuchten, dass sie als Diagnose der Gegenwart lesbar bleiben. Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals, 1913 in vier Monaten niedergeschrieben, gehört zu beiden Kategorien. Was sie darin leistet, ist theoretisch singulär: Sie denkt…

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  • Ich war zu jung für 68. Als Schneider auf den Podien stand, saß ich noch in der Schule. Die Revolte kannte ich zunächst als Text, als Versprechen, das schon eingelöst oder gebrochen war, bevor ich es selbst ergreifen konnte. Was mich an ihm festhielt, war nicht der Revolutionär. Es war der Zweifler. 1978, als das…

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  • Was kann Kritische Theorie heute noch leisten?

    Die Frage klingt nach Nachruf. Als müsste man zunächst einräumen, dass eine Theorie, die in den 1930er Jahren entstand, inzwischen ihren historischen Ort gefunden hat — in den Seminaren, in den Handbüchern, in der Geistesgeschichte. Und doch drängt sie sich mit einer Hartnäckigkeit auf, die sich dieser Einordnung widersetzt. Der Grund liegt nicht in akademischer…

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  • Odysseus und die Sirenen: Eine Allegorie

    Die Geschichte des modernen Subjekts beginnt mit einem Akt der Selbstverleugnung, nicht der Befreiung. Sie ist die Genealogie eines durch Disziplin und Angst geformten Ichs. In der Szene des Odysseus, der sich an den Mast bindet, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, verdichtet sich die doppelte Logik der Aufklärung: Emanzipation durch Unterwerfung, Erkenntnis durch…

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  • Horkheimer zum 131.

    Max Horkheimer hat der Kritischen Theorie ihren Ernst gegeben. Sein Denken trägt die Spur einer Erfahrung, die sich nicht versöhnen ließ. Fortschritt und Barbarei standen im 20. Jahrhundert enger beieinander, als es jede Geschichtsphilosophie wahrhaben wollte. Als Direktor des Instituts für Sozialforschung formte er eine Konstellation, deren Name bis heute nachwirkt. Die Zusammenarbeit mit Theodor…

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  • Vorspiel: Das Zimmer mit den Spiegeln Es gibt ein Zimmer in Des Esseintes‘ Pariser Vergangenheit, das Huysmans nur beiläufig erwähnt, das aber alles vorwegnimmt: ein Raum voller Spiegel, in denen die Wände sich ins Unendliche multiplizieren, in denen ein Körper sich vervielfacht, ohne je ganz da zu sein. Die jungen Frauen, die Des Esseintes dorthin…

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  • Von Hegel zur Kritischen Theorie: Dialektik ohne Garantie

    Dialektik ohne Garantie Die Kritische Theorie ist ohne Hegel nicht denkbar. Sie ist es ebenso wenig mit ihm. In dieser Spannung – zwischen Aneignung und Bruch – bewegt sich ihr Denken. Hegels Dialektik bildet den philosophischen Horizont, vor dem sich die Einsicht ausbildet, dass Wirklichkeit nur im Widerspruch zu sich selbst begriffen werden kann. Zugleich…

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  • Florens Christian Rang

    Capri, Sommer 1924. Walter Benjamin und Florens Christian Rang sitzen auf einer Terrasse über dem Meer. Unter ihnen die Brandung, gleichgültig gegen Namen und Schuld. Sie sprechen über Deutschtum als Last, über Schuld als Aufgabe. Über die Bauhütte – eine Gemeinschaft, die sich aus Verantwortung bildet, nicht aus Macht. Rang ist fast sechzig, krank, müde.…

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  • Natur als sichtbarer Geist

    Die vereisten Bäume stehen kahl gegen den Himmel. Schelling schrieb: Natur ist sichtbarer Geist, Geist ist unsichtbare Natur. Was ich sehe, sieht mich an. Die Landschaft vor dem Fenster ist nicht stumm – sie denkt, aber anders. Jeder Baum eine Form, in der sich etwas zeigt, das kein Name trifft. Das Absolute liegt nicht hinter…

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  • Helvétius

    Es schneit. Draußen verschwinden die Unterschiede unter dem Weiß – für eine Nacht sind alle Dächer gleich. Im Salon brennen Kerzen. Helvétius sitzt unter seinen Gästen, reich geworden als Steuerpächter. Mit dem Geld aus Privilegien finanziert er deren Kritik. Das Paradox trägt er leicht, vielleicht bemerkt er es nicht einmal. Der Mensch ist eine leere…

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  • Wellen

    Vor vielen Jahren saß ich im Bremer Buchladen Orlando und hörte Alfred Sohn-Rethel aus seinem Neapel-Essay lesen. Er lag gleich bei mir um die Ecke, ich ging oft hin. Der Besitzer hieß Vincenzo Orlando – so hieß auch der Laden, nicht nach Virginia Woolfs Roman, obwohl die Nähe auffiel. Er ist tot, das Geschäft verschwunden.…

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  • Friedrich in Sanssouci

    Auf den Terrassen von Sanssouci empfing der König einst Voltaire. Friedrich glaubte, die Vernunft werde die Welt zähmen. Ein Garten als Monument des Fortschritts – jede Skulptur an ihrem Platz, jede Weinrebe gezählt. Aber Gärten sind auch Grabstätten. Unter der Ordnung liegen die Ausgeschlossenen: die Deserteure, die Leibeigenen, die Verluste der schlesischen Kriege. Der König…

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